Ranzenpost 14: Leere

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Alexander Okropiridze

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03.10.1958 – 11.01.2021

Im heiligsten der Stürme falle,
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land!

Friedrich Hölderlin

Abschied von Alexander Okropiridze

In den letzten fünf Jahren unterrichtete Alexander Okropiridze neben Russisch auch immer mehr Klassen in Religion. Der freie Religionsunterricht ist für alle Kinder und Jugendliche gedacht, deren Eltern keinen an eine Kirche angebundenen Unterricht wünschen.

Mit den Oberstufenschülern beleuchtete Alexander am liebsten die verschiedenen Weltreligionen. In seinen Gesprächen mit den Schülern aber auch mit uns Kollegen konnten wir alle erleben, dass Alexander nicht nur erstaunliche viele Religionen dieser Erde kannte, sondern dass er auch verschiedene geistige Strömungen innerhalb einer Religion zu unterscheiden wusste. Es war faszinierend wie er die Beziehungen der Religionen untereinander aufzeigen konnte und wie er die Unterschiede der Schulungswege in Gebet und Mediation charakterisierte.

In der Mittelstufe erzählte Herr Okropiridze gerne auch mal Begebenheiten aus seinem reichen Leben, von Erfahrungen und Abenteuern, wie sie die wenigsten von uns erlebt haben.

Den jüngeren Schülerinnen und Schülern begegnete Alexander in den Handlungen des freien Religionsunterrichts, kurzen Feiern, ähnlich eines Gottesdienstes oder einer Andacht. Hier war er für die Kleinen wie eine gütige Vaterfigur, manche kuschelten sich zur Begrüßung an seinen Bauch.

Wie ein Fels in der Brandung stand Alexander dann morgens zwischen den wuselnden Erst- und Zweitklässlern, wenn es galt, die Kinder zur Handlung abzuholen. Dieses Einsammeln gleicht einem Flöhe-Hüten: Hatten wir die Zweitklässler am Klassenzimmer abgeholt, waren die Erstklässler schon wieder weggehüpft. Bis ich dann die Drittklässler beisammen hatte, waren die Zweitklässler auf den Hof verschwunden. So war es eine große Hilfe, wenn Herr Okropiridze als Hüter an der Treppe stand und alle Kinder beruhigte, bis wir gemeinsam und vollständig zum Eschensaal zur Handlung hinuntergehen konnten. Alexander strahlte Ruhe und gütige Autorität aus.

Mit seinem ehrfürchtigen, weichen Gemüt und seinem Gespür für das Spirituelle nahm er bei den Handlungen die Stimmung war: waren die Kinder unruhig oder konzentriert, wer war aufnahmebereit und offen, wer wirkte innerlich abwesend? Gelang es, dass wir gemeinsam mit den Kindern eine andächtige, erfüllte Stimmung bei der Feier erlebten, war ihm das immer eine wirkliche Freude.

Im Kreis der Religionslehrerinnen und -lehrer schätzten wir ihn als sehr höflichen und zuvorkommenden Kollegen mit seinem großen philosophischen und universellen Wissen. Bei praktischen und organisatorischen Dingen, die es ja immer auch zu erledigen gibt, hielt Alexander sich lieber zurück, als wäre ihm das zu Irdisch und zu Konkret. Lieber wollte er mit uns interessante Gespräche führen und den Gedankenaustausch pflegen.

So wissen wir auch, dass sich Alexander Gedanken über den Tod und über das Sterben, über den Weg von der irdischen in die geistige Welt gemacht hat.

Rudolf Steiner beschreibt das, was uns nach diesem Weg, den Alexander jetzt gegangen ist, erwartet, so:

Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wiederfinden,
Wenn ich,
Guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.

Alexander hinterlässt eine große Lücke in unserem Religionskollegium. Wir nehmen in großer Trauer Abschied von ihm. Der Abschied ist aber auch voll großer Hoffnung, voll der großen Gewissheit, dass Alexander „guten Willens für den Geist, durch des Todes Pforte gegangen“ ist und nun dem lebenden Licht begegnet, seinem höheren Ich, das vom Christuslicht durchleuchtet ist.

Das Kollegium der freien Religion
Helen Wanke, Josef Wiest, Charlotte Dumrese, Angelika Enss, Kerstin Sobek