60 Jahre Schulgeschichte

Erneuerung des Kulturlebens 1919
Im Jahre 1902 forderte die schwedische Pädagogin Ellen Key, das beginnende Jahrhundert müsse ein "Jahrhundert des Kindes" werden. In vielen Städten hielt Rudolf Steiner 1907/08 den Vortrag "Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft". Er ist die Grundlage der anthroposophischen Pädagogik geworden und wirkt wie eine Antwort auf Ellen Keys Vision, die weitgehend eine Utopie geblieben ist. — Aus dem Zusammenbruch der alten Welt nach dem Ersten Weltkrieg wurde die erste Waldorfschule 1919 in Stuttgart gegründet. Sie sollte durch eine menschengemäße Erziehung und Bildung zur Erneuerung des kulturellen Lebens beitragen. Und nach der Katastrophe der Nazi-Herrschaft und des Zweiten Weltkrieges, als wieder eine geistige Erneuerung lebensnotwendig wurde, strömten unzählige Eltern mit ihren Kindern zu den wieder bzw. neu eröffnenden Waldorfschulen — 1938 waren sie verboten worden.

Die Gründung 1948
In Stuttgart war die Mutterschule trotz doppelter Klassen dem Ansturm nicht gewachsen; aus dieser Notlage wurde die zweite Stuttgarter Waldorfschule — am Kräherwald — 1948 gegründet, zunächst als C-Klassen-Bereich der Schule an der Uhlandshöhe. Heute erscheint es wie eine heroische Sage, dass es in einer zerstörten Stadt ohne jedes Geld gelang, ein wunderbar gelegenes, allerdings völlig verwahrlostes Gebäude — die "Villa Wolf" im Norden der Stadt — zu mieten und es mit eigenen Kräften so weit herzurichten, dass am 19. Oktober 1948 mit dem Unterricht begonnen werden konnte. Nur durch die Opferbereitschaft vieler Eltern und den unermüdlichen Einsatz einzelner Persönlichkeiten wie Dr. Erich Gabert, Fritz Koegel (Lehrer), Prof. Rolf Gutbrod und Dr. Emil Kühn (Eltern) gelang das Werk: 236 Schüler wurden aufgenommen, dreizehn Lehrkräfte standen zur Verfügung. Die enge Zusammenarbeit mit der Mutterschule war zunächst lebenswichtig, bis dann an Ostern 1952 die Freie Waldorfschule am Kräherwald als selbständige Schule, getragen von einem eigenen Verein, durch das "Kult"ministerium – so hieß es damals – genehmigt wurde.

Der äußere Aufbau
Im Schuljahr 1953/54 umfasste die Schule bereits 12 Klassen, ab 1956/57 wurden — zunächst in der fünften, seit 1967 in der ersten — Parallelklassen eingerichtet. 1974/75 war die Doppelzügigkeit aller zwölf Klassen mit zwei prüfungsvorbereitenden 13. Klassen erreicht. 900 Schüler waren unterzubringen sowie Kindergarten und Hort. Zunächst war man froh, den dringenden Raumbedarf durch Aufstellung von Baracken (Fertighäusern) decken zu können (1951-1957). Nachdem mit der Stadt ein Erbbauvertrag auf 99 Jahre unterzeichnet worden war (22. Oktober 1958), wurden dann über fast 30 Jahre hin die großen Schulgebäude errichtet, die heute das Gelände bestimmen: Lauerbau (1959), Festsaal und Terrassenbau (1968), Anbau des Lauerbaus (1977), Hauptbau mit unterirdischer Turnhalle (1981), Werkstattgebäude (1986). Besonders der von Prof. Gutbrod entworfene Festsaal fand auch in der Öffentlichkeit viel Anerkennung. Für die Schulgemeinschaft bedeutete er einen wichtigen Schritt des Zusammenwachsens, denn erstmals konnten alle Schüler und Lehrer gemeinsam Monatsfeiern, Klassenspiele, Weihnachtsspiele und andere Veranstaltungen auf dem eigenen Gelände erleben. Die Finanzierung verlangte Eltern und Lehrern trotz staatlicher Zuschüsse große Opfer ab. Die Gesamtinvestitionen seit 1958 beliefen sich auf etwa 18 Millionen DM, davon gab die öffentliche Hand ungefähr ein Drittel.

Der innere Aufbau
Die pädagogische Struktur orientierte sich weitgehend an dem überlieferten Waldorfschul-Modell, aber schon nach wenigen Jahren begann das Lehrerkollegium der Schule auch ein gewisses Eigenprofil zu geben. Der Handwerklich-praktische Zug wurde 1952 eingeführt, d.h. ein verstärkter Unterricht in verschiedenen Werkstätten für Schüler, die ab der 9. Klasse nur eine Fremdsprache lernten; entsprechende Lehrpläne wurden ausgearbeitet. Der Sozial-praktische Zug kam 1971 hinzu. (Näheres ist in dem Beitrag "Wenn du etwas mit mir tust" ausgeführt.) Großer Wert wurde — und wird bis heute — außerdem darauf gelegt, dass alle Schüler der Oberstufe regelmäßig in verschiedenen Bereichen künstlerisch und praktisch arbeiteten, so dass ein ausgleichendes Gegengewicht zu den mehr kognitiven Fächern entstand. Auch im fremdsprachlichen Bereich setzte die Schule einen eigenen Schwerpunkt: Seit dem Schuljahr 1979/80 wird Russisch neben Englisch ab der ersten Klasse unterrichtet, das Französisch setzt erst mit der 9. Klasse ein. Latein wurde nicht mehr angeboten. Die sprachliche Öffnung nach Osten, zehn Jahre vor der politischen Wende, hat unserer Schule eine wichtige neue Qualität verliehen und seitdem zu vielen Begegnungen geführt. Eine neue Differenzierung in Klasse 11 und 12 wird seit 1996/97 erprobt. Es werden jeweils eine geisteswissenschaftlich, eine naturwissenschaftlich sowie eine praktisch ausgerichtete Klasse parallel geführt.

Prüfungen
Die staatlichen Prüfungen wurden in der jeweils für die Waldorfschulen modifizierten Form auch an unserer Schule eingeführt: das Abitur seit 1956/57, die Realschulabschlussprüfung seit 1962/63, die Fachhochschulreifeprüfung seit 1974/75. Die Genehmigung als "Ersatzschule" im Sinne des Privatschulgesetzes wurde am 17. Juli 1974 rückwirkend zum 1. Januar 1974 vom Oberschulamt Stuttgart ausgesprochen. Die Hereinnahme von staatlichen Prüfungen, zumal wenn die Aufgaben zentral gestellt werden, hat uns immer wieder bewusst gemacht, wie wenig unser Ansatz einer ganzheitlichen, individuellen Menschenbildung mit einem notenbezogenen intellektuellen Lernen und einer normierten Leistungsbeurteilung zu vereinbaren ist. Dennoch wollen wir unseren Schülern natürlich die gleichen Startchancen für ihre berufliche Ausbildung mitgeben, wie sie andere Schüler auch haben; die Ergebnisse, z.B. im Abitur, können sich durchaus sehen lassen. Und doch ist die angedeutete Diskrepanz eine Erfahrung aus Jahrzehnten, für die es keine allseits befriedigende Lösung gibt.

Die soziale Struktur
Die Entwicklung der sozialen Struktur der Schule durch 50 Jahre hin ist noch kaum untersucht worden, z.B. wurde die Zusammensetzung der Eltern-, Schüler- und Lehrerschaft bisher nicht systematisch erfasst. Am meisten Bewusstsein wurde bisher mit Recht der Selbstverwaltung der Schule gewidmet. Die Zeit der Pioniergestalten und der von allen anerkannten Persönlichkeiten liegt wohl hinter uns; umso stärker müssen bewusst effiziente Formen eines schulischen Unternehmertums entwickelt werden. Seit dem Schuljahr 1969/70 wurde die kollegiale Selbstverwaltung dreigliedrig organisiert, mit einer zeitlich geregelten Neubesetzung der drei Verwaltungskreise und des Verwaltungsrates. In internen Wochenendtagungen und Konferenzen wurde seitdem immer wieder an den Grundideen und ihrer Umsetzung in den täglichen Arbeitsabläufen gearbeitet. — Näheres ist in dem Buch von Matthias Karutz "Gemeinschaften gestalten — aber wie?" (Stuttgart 1998) nachzulesen.

Vergangenheit — Gegenwart — Zukunft
Zur Schulgeschichte gehören auch die über 3000 ehemaligen Schüler (in 81 Klassen), die in den 50 Jahren unsere Schule durchlaufen haben. Viele sind als Eltern mit ihren Kindern an die Schule zurückgekommen, einige sogar als Lehrer. Nach zwei Ehemaligentagungen 1992 und 1995 wurde am 11. Oktober 1996 der Verein "Die Krähen. Ehemalige, Freunde und Förderer der Freien Waldorfschule am Kräherwald e.V." gegründet, um die Arbeit der Schule zu unterstützen. Mit großer Dankbarkeit blicken wir zurück auf unsere fünfzigjährige Geschichte, auf den selbstlosen und kraftvollen Einsatz vieler tüchtiger Menschen, die unter einer gemeinsamen tragenden Idee den Aufbau geleistet und die Schule am Leben erhalten haben. Manche sind nun schon verstorben, andere leben im Ruhestand: Ihnen gilt unser besonderer Dank. Wie die nächsten Jahrzehnte sich gestalten werden, ist angesichts einer immer schwieriger werdenden Weltlage ungewiss. Wir und die Nachkommenden werden neuen Pioniergeist und ähnlich viel Mut brauchen wie unsere Vorgänger, damit die Schule Bestand haben und sich auch in Zukunft zum Wohl der Schüler und als wichtiger Teil des Kulturlebens weiter entwickeln kann.
Gottfried Lesch

Hinweis
Der vorangehende Artikel ist bewusst knapp gehalten. Denn gleichzeitig mit der Festschrift gibt die Schule zwei Broschüren von Matthias Karutz heraus, die die Vorgeschichte und die ersten zehn Jahre der Schule schildern sowie 40 Biographien verstorbener Schulmitglieder enthalten.

Chronik
1948 Villa Wolf von der Stadt gemietet und in Stand gesetzt
1948 19. Oktober erster Schultag für 236 Schüler in 6 Klassen und 13 Lehrer der "Abteilung Kräherwald" der Schule Stuttgart-Uhlandshöhe
1951 Aufstellung von Baracken für 6 Klassenräume
1952 Gründung des "Vereins der Freien Waldorfschule am Kräherwald", Genehmigung der Schule als selbständige Institution
1952 Einführung des Handwerklich-praktischen Zuges (ab 9. Klasse)
1953 Zwölfklassiger Ausbau erreicht
1956 Eröffnung des Hortes
1956 Errichtung weiterer Fertighäuser für einen "Bühnensaal", Handarbeitsräume, Werkstätten und den Hort
1957 Erstes eigenes Abitur; Eröffnung der ersten Parallelklasse im 5. Schuljahr
1958 Abschluss des Erbpachtvertrages für das Gelände, Professor Gutbrod entwirft den Gesamtbebauungsplan
1958 585 Schüler in 16 Klassen werden von 35 Lehrern unterrichtet
1959 Fertigstellung des Lauerbaus (15 Unterrichtsräume und 1 Gymnastiksaal) — benannt nach seinem Architekten
1959 Erweiterung des Werkstattgebäudes
1962 Neubau des Lehrerhauses und zweier Kindergärtenräume fertig
1962 Eröffnung zweier Kindergartengruppen (28. November)
1964 Erste Realschulabschlussprüfung
1964 620 Schüler werden von 40 Lehrern unterrichtet
1968 Einweihung des Festsaales und des Terrassenbaues
1969 Neugestaltung der kollegialen Selbstverwaltung
1971 Einführung des Sozial-praktischen Zuges (ab 9. Klasse)
1973 Feiern zum 25-jährigen Bestehen der Schule (27./28. Oktober); 1. Ehemaligentreffen
1974 Genehmigung als Ersatzschule ab 1. Januar
1974 Pachtung des Grundstückes am Ende des Rudolf-Steiner-Weges für einen dritten Schulgarten
1974 Volle Doppelzügigkeit der Schule
1975 Erste Fachhochschulreifeprüfung
1977 Anbau des Lauerbaues fertig
1977 Abriss der alten Fertighäuser (mit Bühnensaal)
1979 Einführung des Russisch ab Klasse 1
1981 Hauptbau mit unterirdischer Turnhalle fertiggestellt
1986 Neubau des Werkstattgebäudes wird in Betrieb genommen, die Überbauung des Geländes ist damit abgeschlossen
1988 40-jähriges Bestehen der Schule, Festakt am 1. Oktober
1988 Auf Initiative unserer Schulärztin wird das selbständige "Therapeutikum am Kräherwald" gegründet
1989 Öffnung der Praktischen Züge für Zweisprachler (Englisch/Russisch)
1991 Die Schule kauft einen Teil des schulnahen Victor-Köchl-Hauses, zwei Kindergartengruppen finden dort neue Räume
1992 2. Ehemaligentreffen am 26. September
1993 Umgestaltung der Schul- bzw. Pausenhöfe, u.a. mit Bachlauf
1994 Neue Differenzierung in der Oberstufe, erste Stufe: Realschulabschluss in Klasse 11P, Fachhochschulreife in Klasse 12P
1995 3. Ehemaligentreffen am 7. Oktober
1996 Erster von der Initiative Vebus organisierter Berufsfindungstag für die Oberstufenschüler am 2. März
1996 Gründung des Vereins "Die Krähen — Ehemalige, Freunde und Förderer der Freien Waldorfschule am Kräherwald e.V." am 11. Oktober
1996 Zweite Stufe der neuen Differenzierung in Klasse 11 und 12 für eine dreijährige Erprobung begonnen: Naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Richtung
1996 Einführung des periodischen Fremdsprachenunterrichts in der Mittelstufe
1998 50-jähriges Bestehen der Schule wird im Oktober gefeiert
1999 Zum Geschenkmarkt am 14. November präsentiert die Schule zum ersten Mal ihren Internet-Auftritt